Einsame Buchstaben – Nachdenken über eine besondere Todesanzeige

In der Tageszeitung lese ich meist zuerst die Todesanzeigen. Noch vor den Nachrichten aus aller Welt oder aus meiner Region. Da ist nicht viel Neues dabei, denn ich bin auch ein aufmerksamer Radio-Zuhörer.

Bei den Todesanzeigen interessieren mich die Geschichten hinter Namen und Informationen, die sie preisgeben. Wie alt war der/die Verstorbene? Wer gehört alles zum engsten Familienkreis? Ist die Beisetzung öffentlich oder in aller Stille. Auf einem Friedhof oder im RuheForst? Welche Symbole oder fromme Kalendersprüche haben die Angehörigen für den Abschied ausgesucht? Manchmal findet sich neben dem Namen auch ein Foto, das die Verstorbene meist in jüngeren Jahren zeigt. Manchen sieht man es an, dass sie so zuletzt nicht mehr ausgesehen haben. Aber so lebendig will man den geliebten Menschen in Erinnerung behalten.

Vor Kurzem fällt mir eine besondere Anzeige auf. Nur ein schwarzer Rand und mittendrin nur der Name der Verstorbenen. Nichts weiter. Nur ein Name. Kein Hinweis auf das Alter oder den letzten Wohnsitz. Kein Hinweis auf die Art der Beisetzung. Keine trauernden Angehörigen.

Nur ein Name. Ich merke, dass mich diese Todesanzeige irritiert, ja geradezu verstört, und auch traurig macht. Gibt es wirklich keine Geschichte hinter diesem Namen? Kein gelebtes Leben? Und auch keine Beziehungen zu anderen Menschen? Oder wenigstens der Hinweis auf ein Haustier? Das wäre skurril, aber das soll auch schon vorgekommen sein.

Nur ein Name. Meine Phantasie bleibt ohne Bilder und Worte. Sind wir nicht viel mehr als unsere Namen? Mehr als diese einzelnen, einsamen Buchstaben?

Wie schnell wird dieser Mensch wohl vergessen sein? Einsam im Leben und einsam im Tod. Keine Hoffnung, kein Glauben, keine Liebe.

Wie gut, dass der, der für mich der EWIGE heißt – übrigens einer der schönsten Namen für Gott, der nicht namenlos sein möchte – niemanden vergisst. Er kennt unsere Namen, unsere Lebensgeschichte, unsere Begabungen und alles, was uns als Menschen ausmacht. Auch mit den schwierigen Seiten in uns.

Und sein Bekenntnis zu uns lautet: Du bist nicht allein! „Fürchte dich nicht! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir!“ Im Leben, im Sterben und in meiner Ewigkeit.