Josef und das Leben

(1)

Josef saß auf einem Felsvorsprung und schaute lange auf die gewaltigen Wellen des Atlantik. Hinter ihm eine karge und weite Landschaft. Die schmerzlichen Erinnerungen hatten ihn eingeholt. Fast genau 12 Jahre, nachdem er mit seinen Kameraden in einen Hinterhalt geraten war. Niemand von ihnen überlebte diesen Angriff. Mit unglaublicher Brutalität kämpften sich die amerikanischen und britischen Truppen durch die Normandie. Auf einem nahegelegenen Friedhof wurde Josef eilig begraben. Der zuständige Pfarrer verweigerte aber ein letztes Gebet für einen deutschen Soldaten. Der Tod hatte ihn weit weg von zuhause einsam gemacht.

Zuhause in der Eifel warteten seine Ehefrau mit ihren beiden kleinen Kindern jeden Tag auf ein Lebenszeichen. Marie war immer wieder erleichtert, wenn kein offizielles Schreiben der Wehrmacht mit der Post bei ihr ankam. Seit ein paar Monaten waren sie am Rand der Stadt bei einer befreundeten Familie untergekommen, nachdem im Januar 1944 ihre eigene Wohnung ausgebombt wurde. Besonders die Kinder litten unter der Angst vor weiteren Angriffen. Bei ungewohnten Geräuschen fingen sie sofort an zu weinen und hielten sich gegenseitig fest in den Armen. Marie fiel es immer schwerer, sie dann zu beruhigen und zu trösten. Zu groß war ihre eigene Angst und Hoffnungslosigkeit. Sie war unendlich müde.

Es war Ende August, als der gefürchtete Brief dann doch bei ihnen ankam. Nur eine dürftige Mitteilung, dass Josef für „unser Vaterland“ ehrenhaft gefallen sei. Als ob das eine besondere Auszeichnung wäre. Einen Hinweis auf den Bestattungsort fand Marie nicht in dem Brief. Er wird nie mehr mit ihnen am Tisch sitzen und gemeinsam zu Abend essen. Keine Gute-Nacht-Geschichten mehr für die Kinder vorlesen. Es wird keine gemeinsamen Sonntagsausflüge mehr geben. Und auch keine Entdeckungstouren für die Kinder in der Steinmetzwerkstatt gegenüber dem alten Friedhof mit seinen großen Bäumen und verschlungenen Wegen. Josef war besonders künstlerisch und kreativ begabt und es machte ihm viel Spaß, aus einem toten Stein etwas zu schaffen, das lebendig aussah.

Zwölf Jahre nach dem Krieg waren die Angst und die Trauer so gut wie verschwunden. So als ob der mitunter heftige Wind in der Eifel die schmerzlichen Erinnerungen mitgenommen hätte. Nur die schönen Erinnerungen bewahrte Marie in ihrem Herzen. Schließlich musste die Stadt wieder aufgebaut und ein neues Zuhause gefunden werden. Überall herrschte Aufbruchstimmung.

(2)

Lars kam als Wunschkind seiner Eltern im Dezember 1964 auf die Welt. Er war ein ruhiges, manchmal zu ruhiges Kind. Immer etwas kränklich. Trotzdem wuchs er zunächst einigermaßen unbeschwert auf. Einigermaßen. Denn schon bald legten sich Schatten auf sein Leben. Mit einer unendlichen Traurigkeit. Mit Schmerzen, die niemand sehen konnte. Und seitdem wurde er noch ruhiger. Nur sein Teddybär hat ihn getröstet.

Dazu kamen schließlich die Demütigungen zuhause. Seine Mutter lachte ihn bei jeder Gelegenheit aus. Am liebsten dann, wenn andere Menschen mit dabei waren. Von seinem Vater konnte er keine Hilfe erwarten. Die Mutter hatte allein das Sagen. Lars wurde nicht nur ruhiger, sondern er versuchte auch unsichtbar zu bleiben. Um die bösen Worte nicht mehr zu hören und die Schatten nicht mehr zu spüren. Er zog sich immer mehr in seine eigene Welt zwischen der Enge zuhause und einem weit aufgespannten Himmel zurück. Hier war er sicher mit seinen Tagträumen. Sicher auch vor den Menschen, denen er nicht vertrauen konnte. Diese Zwischenwelt wurde sein Zufluchtsort.

(3)

Jahre später sah Lars bei einem seiner Streifzüge durch seine Heimatstadt einen jungen Mann in einer abgewetzten Uniform, der mit einem traurigen Blick die alte Familienwerkstatt beobachtete. Lars hatte ihn schon einmal gesehen, aber er musste einige Zeit überlegen, wo das gewesen ist. Dann fiel es ihm ein: Ein altes, vergilbtes Foto im Wohnzimmer seiner Oma. Der Mann bei der Werkstatt musste Josef sein. Sein Opa. Der damals „im Krieg geblieben“ ist. Der aber auch totgeschwiegen wurde, wenn seine Eltern mit ihm zu Besuch bei seiner Oma war. Es war viel Zeit vergangen und es war, als ob Josef nicht mehr zu ihnen gehörte.

Aber wieso stand er auf einmal da? Was suchte er hier? Wen suchte er?

Mal sehen, wie er sich verhielt, wenn Lars näher kam. Bemerkte er ihn überhaupt? Als er nur noch wenige Schritte hinter ihm war, drehte Josef sich langsam zu ihm um. „Na, kleiner Mann. Jetzt hast du mich also gefunden. Komm näher und lass dich anschauen. Du brauchst vor mir keine Angst zu haben“.

Lars ging menschenscheu und langsam zu seinem Opa und brachte ein schüchternes „Hallo“ über seine Lippen. Dann schauten sich beide lange an. Sie sahen sich sehr ähnlich und konnten nicht verleugnen, dass sie miteinander verwandt waren. Da waren vor allem der gleiche achtsame Blick und das scheue Lächeln. Nur, dass der Opa eine Glatze hatte und Lars lockige braune Haare. Auch die weichen Gesichtszüge waren ihnen gemeinsam. Einen Soldaten hatte sich der „kleine Mann“ immer ganz anders vorgestellt.

„Komm, wir setzen uns auf die Bank da vorne“, schlug Josef seinem Enkel vor. Sie gingen die wenigen Schritte und setzten sich. Beide ein wenig aufgeregt. Wie konnte das alles sein? Lars dachte nach.

Sein Opa lächelte ihn an. „Ich weiß, was du denkst. Warum bin ich hier? Wie kann ich mit dir reden und zusammen sein, obwohl ich doch schon so lange Zeit tot bin?“ Für einen Moment war es ganz still.

„Du bist für mich ein ganz besonderer Mensch. Mein Enkelsohn. Ich fühle eine starke Verbindung zwischen unseren beiden Seelen. Es scheint, du hast vieles von mir mitbekommen. Unsere Phantasie. Unsere Neugierde. Unser Staunen. Unsere Fähigkeit, mit Worten zu malen und das Leben darin atmen zu lassen“.

Lars schaute seinen Opa verwundert an. Woher wusste er das alles? Etwas verlegen antwortete er ihm: „Nur das Steinmetz-Handwerk werde ich wohl nie erlernen. Ich würde es so gerne ausprobieren, aber Mama sagt immer, dass ich zwei linke Hände habe“.

„Wenn du willst, bringe ich es dir bei“.

Wieder Schweigen. Langsam begriff Lars, dass sie in seiner Zwischenwelt waren. Hier konnte ihm niemand etwas antun. Hier wurde er nicht abgelehnt. Hier konnte ihm niemand Schmerzen zufügen. Hier durfte er sein, wie er ist. Nur er konnte hier den Opa sehen und mit ihm reden. Für andere blieb er unsichtbar. Für andere war er seit Jahrzehnten tot. Für Lars war Josef ein lebendiger Mensch. Der zu ihm in seine Zwischenwelt gekommen war und der schon so vieles über ihn wusste.

(4)

Josef wollte unbedingt seine Geschichte mit seinem Enkel, der ihm so ähnlich war, teilen. Ihn an seine eigenen Wurzeln erinnern. Und dass mit ihm die Geschichte der Familie weiter geschrieben wird. Damit sich das Leben doch noch zum Guten wendet.

Und dann fing Josef an zu erzählen:

„Ich habe deine Oma als junges Mädchen beim Kirmestanz kennengelernt. Wir verabredeten uns danach immer wieder zu Spaziergängen durch die Felder und vor allem durch das Waldstück Kolmeshöh vor den Toren der Stadt. In langen und tiefsinnigen Gesprächen lernten wir uns mit der Zeit näher kennen. Und ja, wir haben auch viel miteinander gelacht. Marie war erst vor einem Jahr in unserer Stadt mit ihren Eltern angekommen. Ihr Vater war aus der Schweiz und von Beruf Melker. Eines Tages war er vom Berner Oberland in den Norden aufgebrochen. Er suchte und fand Arbeit auf großen Höfen. Und immer zog er nach einer Zeit weiter, um neue Erfahrungen zu sammeln und interessante Menschen kennenzulernen. Er war so richtig neugierig auf das Leben. Sein Weg führte ihn schließlich nach Ostpreußen, wo er sich in eine schüchterne junge Frau verliebte. Die beiden beschlossen nach ihrer bescheidenen Hochzeit, zurück in die Schweiz zu gehen. Mittlerweile hatte er sich einen Pferdekarren gekauft, für den er schon lange gespart hatte. Unterwegs nach Hause fanden sie immer wieder einen Hof, wo sie sich nützlich machen konnten. Er beim Melken im Stall und sie im Haus beim Kochen und beim Nähen. Meist schliefen sie im Stall auf einer Decke im Stroh.

Im Mai 1910 wurde deine Oma in der Lüneburger Heide geboren. Der erste Schrei erfüllte ihre Eltern mit großer Freude. Jetzt waren sie eine kleine Familie, die noch Großes vorhatte. Länger als geplant, blieben sie auf dem Hof am Rand eines Dorfes mitten in der Heide. Abends träumten sie von einem eigenen Zuhause. Und von weiteren Kindern.

Schließlich fanden sie in unserer Stadt einen großen Hof mit viel Arbeit. Während sich die Mutter um ihre Kinder kümmerte, was gar nicht so einfach war, arbeitete der Vater hart in den Ställen und auf dem Feld, um seine Familie ernähren zu können. Zuerst wohnten sie in einem Gesinde-Haus auf dem Hof und dann konnten sie sich in der Stadt ein eigenes Häuschen leisten. Jetzt waren sie in ihrer neuen Heimat angekommen. Jeden Sonntagmorgen gingen sie zu der kleinen evangelischen Kirche und wurden schnell herzlich aufgenommen. Nach den Gottesdiensten blieb man meist noch etwas länger zusammen und erzählte sich die Neuigkeiten. Ihr Glaube war nie ein Hindernis oder ein Ärgernis in dem überwiegend katholischen Umfeld. Es zählte allein das Herz der Menschen und ihr guter Charakter.

Nach den langen Spaziergängen und den einfühlsamen Gesprächen, bei denen wir uns immer vertrauter wurden, hielt ich eines Tages bei ihrem Vater um ihre Hand an. So viel Liebe war zwischen uns gewachsen. Ich wollte keine andere kennenlernen und liebhaben.

Aber unser großes Glück bekam einen Dämpfer. Denn mein Vater verweigerte uns seinen Segen. Eine evangelische Schwiegertochter kam ihm nicht ins Haus. Lange wurde leidenschaftlich gestritten. Aber ich blieb unbeeindruckt von den Drohungen meines Vaters. Selbst wenn er mich enterben und verstoßen würde, blieb meine Liebe zu Marie stärker. Irgendwann gab mein Vater nach, stellte aber eine Bedingung: Die kirchliche Hochzeit musste katholisch sein und nicht in der Heimatpfarrei stattfinden. Stattdessen einige Kilometer entfernt in einer kleinen Kirche über dem Kylltal. Wir beide stimmten zu. Hauptsache, wir konnten zusammen eine eigene Familie gründen. Außerdem passte eine bescheidene Feier einfach auch besser zu unserem bescheidenen Leben“.

Josef atmete tief durch und schaute seinen Enkel liebevoll an. Dann erzählte er weiter:

„Trotz unseres Streites konnte ich weiter im Betrieb meines Vaters arbeiten. Und deine Oma kümmerte sich um benachteiligte und kranke Frauen und Kinder ihrer Kirchengemeinde. Aus Nächstenliebe und mit einem festen Glauben. Die wöchentlichen Gottesdienste und die Gespräche mit dem Pfarrer und seiner Frau ermutigten und trösteten sie dabei. Manchmal habe ich sie dorthin begleitet und fühlte mich willkommen.

Ende September 1936 kam deine Tante zur Welt. Sie wurde zunächst katholisch getauft. Das hatten wir bei der Trauung auf die Frage des Priesters versprochen. Ich verbrachte viel Zeit zuhause mit unserer Tochter und verschaffte deiner Oma damit die ein oder andere Verschnaufpause. Dafür arbeitete ich bis spät in die Nacht in unserer Werkstatt.

Nach dem plötzlichen Tod meiner Mutter heiratete Vater wieder. Ernestine, die Tochter eines Einzelhändlers, die sich als Stiefmutter um die Kinder kümmern sollte. Die beiden bekamen auch zwei eigene Kinder: Meine Stiefschwester Franziska war ein richtiger Sonnenschein. Sie war auch bei uns Geschwistern aus der ersten Ehe sehr beliebt. Ihr Lachen und ihre Fröhlichkeit erfüllte immer wieder das ganze Haus. Unser Bruder Wilhelm war dagegen eher ruhig, fast ein bisschen schüchtern.

Ich war wohl das Lieblingskind meiner zweiten Mutter. Oft saß ich bei ihr in der Küche und zeichnete meine Ideen auf Papier. Und schrieb eigene Texte. Manchmal, wenn es etwas Taschengeld gab, kaufte ich uns ein Ei, brachte es nach Hause, kochte es und teilte es mit Ernestine, die sich wie ein Kind freuen konnte. Sie war es auch, die immer wieder zwischen mir und meinem Vater vermitteln konnte, falls es mal wieder Streit gegeben hatte. Und dabei stand sie liebevoll und augenzwinkernd meistens auf meiner Seite.

Der nächste Krieg war schon zu ahnen, als ich schließlich zum Militär eingezogen wurde. Im April 1939 kam dann dein Vater zur Welt. Noch einmal ein Geschenk für uns. Ich ging, ohne viel nachzudenken, direkt aufs Amt und änderte die Konfession unserer katholischen Tochter, die nun evangelisch wurde. Und auch Jürgen wurde in der kleinen evangelischen Kirche getauft. Wenn mir etwas im Krieg zustoßen sollte, dann war es einfach unzumutbar, dass eine evangelische Mutter zwei katholische Kinder großziehen sollte. Allerdings wurde der Graben zwischen mir und meinem Vater durch diesen Schritt immer tiefer. Nur Ernestine hielt liebevoll zu mir und unserer kleinen Familie. Immer wieder besuchte sie Marie und die Kinder heimlich und half ihnen, wo sie nur konnte“.

Josef wirkte nach dem Erzählen erschöpft. Seine Augen waren fest auf die Werkstatt und sein Elternhaus gerichtet. Nachdenklich. Traurig. In seinem Enkel hatte er einen guten Zuhörer gefunden. Lars nahm die Hand seines Opas und streichelte sie sanft. Das Ende der Geschichte konnte er sich in etwa denken. So viel hatte er schon mitbekommen.

Für seine Familie war Josef ein toter Soldat aus der Vergangenheit, der nicht mehr in die Gegenwart passte. Eine Nummer in der Liste der Gefallenen, kein Name mehr. Kein Mensch mehr.

(5)

Lars hatte die ganze Zeit aufmerksam zugehört. Und wieder fühlte er sich seinem Opa besonders nahe. Er fühlte sich bei diesem starken und empfindsamen Mann geborgen. Wie bei einem Schutzengel. Ihm konnte er auch seine eigene Geschichte anvertrauen. Seine Angst und seinen Kummer. Seine Schatten. Es fehlte ihm allerdings noch etwas Mut. Und die Worte. Noch niemandem hatte er erzählt, was passiert war. Wer wollte ihm denn schon zuhören? Wer glaubte ihm?

Die beiden saßen lange schweigend nebeneinander und hielten sich an den Händen fest. Das war ein gutes Gefühl. Beide spielten mit ihren Gedanken. Josef hatte mittlerweile die Augen geschlossen. Und Lars schaute ihn mit seinen braunen Kinderaugen von der Seite etwas besorgt an.

„Opa, ist alles in Ordnung mit dir?“ fragte er zaghaft.

„Ja, alles in Ordnung. Ich hoffe, dass meine Geschichte dich nicht traurig gemacht hat“.

„Nein, hat sie nicht. Ich verstehe jetzt einiges besser, wenn ich an Oma und Mama und Papa denke. Und an mich“.

„Ja, ich weiß. Ich war seit deiner Geburt in deiner Nähe. Ein bisschen traurig, weil sie dir nicht meinen Namen gegeben haben. Um deutlich zu machen, dass ich nicht vergessen bin. Aber deine Mutter wollte davon nichts hören. Es musste unbedingt ein nordischer Name sein.

Ich habe alles mitbekommen, auch das Böse, das dir widerfahren ist. Und bitte glaube mir: Ich war lange verzweifelt, dass ich nicht eingreifen konnte. Aber ich war bei dir, habe deine Tränen gesehen und deinem Schweigen zugehört. Ich habe dich getröstet, damit du Schlaf finden konntest. Deine Schatten waren da. Aber immer wieder habe ich dich im Arm gehalten wie einen kostbaren Schatz“.

„Ja, ich erinnere mich: Es gab Momente, in denen ich so einen wohligen Schauer gespürt habe. Ein Atem, der mein Herz gestreichelt hat“, sagte Lars still.

Und dann fing er doch an zu weinen. Josef nahm ihn wieder in den Arm und summte ein altes Kinderlied. Er war sehr froh, dass er den Schritt in die Welt seines Enkelsohns gewagt hatte. Jetzt wird alles gut. Er wird ihm jeden Tag nahe sein. Jetzt wird er ihm das Leben zeigen. Vor allem die Schönheit der Worte. Das Vertrauen in das Gute im Menschen. Und den Glauben an seine eigene Stärke.

Lars wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und flüsterte seinem Opa zu: „Du, Opa, ich hab dich lieb!“ Und Josef schaute ihn liebevoll an und es wurde ihm ganz warm ums Herz.

Dem Leben vertrauen

Immer wieder machen Menschen die Erfahrung, wie gelähmt zu sein. Sie spüren, dass Leib und Seele gefangen sind in Zweifel und Lieblosigkeit, Gewalt und Demütigung. Wer gelähmt ist, steckt fest. Er/sie kann nicht auf eigenen Beinen stehen. Nicht gehen. Keinen anderen Standpunkt einnehmen. Keine neuen, lebendigen Erfahrungen machen. Er/sie kann nicht mit den anderen beim Fest tanzen. Und auch seine/ihre Seele atmet nicht mehr.

Wer gelähmt ist, kann seine/ihre Gefühle nicht mehr spüren. Seine/ihre Freude, Lust, Neugierde auf etwas Neues sind wie eingefroren. Die Stimme versagt und die Worte bleiben stumm. Schweigen, Angst und Traurigkeit sind wie falsche Freunde neben ihm/ihr und flüstern Worte ins Ohr, die ihn/sie noch tiefer in die Tiefe ziehen.

Es gibt auch die anderen, die Nicht-Gelähmten. Die von Jesus gehört haben. Die ihm alles zutrauen. Sie tragen den Mutlosen mit seinem Zweifel zu ihm. Jesus ist damit beschäftigt, seine Geschichten von Gottes Welt den Menschen zu erzählen und in ihnen neue Hoffnung und neues Vertrauen zu wecken. Jesus macht allen, die ihm zuhören, Mut, eigene Wege zu gehen und keinen Mit-Menschen aus dem Blick zu verlieren.

Die Freunde tragen ihren gelähmten Freund bis ins Haus, in dem Jesus predigt. Er sieht ihn an. Er sieht nicht die Zweifel und Gottferne, sondern seinen Glauben. Seinen Mut. Sein Leben. Seine Zukunft. Und dann spricht er die erlösenden Worte: Deine Gottferne steht nicht mehr zwischen dir und mir. Steh auf, nimm dein Bett und gehe deinen Weg ins Leben zurück. Gehe deinen Weg und entdecke deine Begabungen. Lass deine Selbstzweifel und Schuldgefühle und alles, was dich gelähmt hat, zurück. Entdecke die Dankbarkeit und Zuversicht. Die Liebe und den Mut. Entdecke den Himmel in deinem Erdenleben. Du brauchst dich nicht mehr vor den Menschen zu verstecken.

Geh einfach los und vertraue mir, spricht Jesus.

( Fixpunkt Rhein-Zeitung und Webandacht Kirchenkreis Koblenz – 21.08.2026)

wortlos

Dieser melancholische Text ist in meinem Herzen entstanden. Er ist nicht biografisch. Ich freue mich im Moment sehr über mein Leben.