Betrachtung der Ikone „Auferstehung des Judas“ von Josua Boesch im Internet, zum Beispiel unter
https://herder.de/cig/cig-ausgaben/archiv/2022/45-2022/evangelium/
Liebe Schwestern und Brüder,
immer wieder gibt es komische und irgendwie verrückte Bilder und Geschichten in unserer Bibel. In der ersten Lesung haben wir eine davon gehört: Die Geschichte des tanzenden und jubelnden König David. Achtung Kopfkino: Stellt euch unseren Bundespräsidenten vor, wie er bei einer Demo durch Bonn fröhlich und ausgelassen um das Grundgesetz herum tanzt. Nicht nur Frau Büdenbender wäre ganz bestimmt peinlich berührt und nachher zuhause gäbe es wohl mehr als genug Spott und mahnende Worte. So ist es jedenfalls auch David nach seinem Tanzauftritt zuhause ergangen.
Der tanzende und singende König ist ein Gegenbild zu Gottesdiensten, die von Menschen abgesessen, aber nicht mit dem Herzen gefeiert werden. Wann ist das endlich vorbei? Genug Jammern und Problembeschreibungen. Genug Sünde und Schuldgefühle, schlechtes Gewissen und Tod. Genug moralische Belehrungen.
Den tanzenden und singenden David verstehe ich als eine Einladung an uns, mehr Leichtigkeit, mehr Lobpreis, mehr Emotionen und Bewegung auch in unseren Gottesdiensten erfahrbar zu machen. Der Kirchenvater Augustinus hat mit einem flotten Spruch den Menschen und ganz sicher auch unsere Kirche zum Tanzen aufgefordert: „Oh Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen.“
Es gibt so viele Visionen, was uns in der Ewigkeit erwarten mag: Eher witzig: das Himmelstor, an dem Petrus den Türsteher macht. Eher unwahrscheinlich. Oder prophetisch wie bei Jesaja oder in den Gleichnissen, die Jesus erzählt: Gott wird uns mit einem großen Festmahl erwarten. Und da wird dann sicher auch getanzt. Anders kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen. Jede und jeder macht mit. Es wird gesungen und gelacht. Oder um es mit Hans Dieter Hüsch zu sagen:„Wir sind vergnügt, erlöst, befreit. Gott nahm in seine Hände unsere Zeit.“Es lohnt sich also auf jeden Fall, das Tanzen und das Loben in diesem Leben schon einzuüben, damit wir im Himmel nicht irgendwie doof am Rand stehen bleiben und zuschauen müssen. Aber keine Sorge: Heute morgen muss niemand das Tanzbein schwingen. Und ich eigne mich auch überhaupt nicht zum Tanzlehrer. Das ist dann wohl eher etwas für zuhause in der Gemeinde.
Liebe Schwestern und Brüder, ob Jesus wohl getanzt hat? Ich bin fest davon überzeugt, denn das Tanzen gehört damals wie heute fest zur jüdischen Kultur und Lebensfreude.
Auch auf dem Bild dieser besonderen Metall-Ikone können wir vielleicht erst auf den zweiten Blick zwei tanzende Menschen erkennen. Die Ikone stammt von Josua Boesch, Goldschmied und Pfarrer aus der Schweiz, der von 1922 – 2012 gelebt hat. Sein ganzes Leben war ein großes Suchen nach Gottes Gegenwart in der Zeit. Nach seiner handwerklichen Ausbildung studiert er Theologie und bleibt 28 Jahre reformierter Pfarrer an verschiedenen Orten in der Schweiz. Dann wird die Unruhe nach einem anderen Leben der Stille und Ehrlichkeit immer größer. Er lässt sich von seiner Frau scheiden und zieht sich in ein katholisches Eremitenkloster in Italien zurück. In seiner Zelle richtet er sich eine kleine Werkstatt ein. Hier entstehen seine einzigartigen Metall-Ikonen als Antwort auf seine Gebete und seine Meditation biblischer Texte. Er geht in seiner Kunst neue Wege, indem er zum Beispiel edle und unedle Metalle miteinander verbindet. Er experimentiert mit Gold und Silber und bringt sie mit dem weniger wertvollen Messing und Kuper zusammen. Das Feuer wird zur eigentlichen Schöpferkraft. Zu einem Leitwort in dieser Phase seines Lebens wird der Satz: Alles will Gebet werden.
Zwei große Themen bewegen ihn in dieser Zeit der Stille und Einsamkeit und er versucht beide ins Bild zu bringen: Kreuz und Auferstehung. Beides möchte Boesch in seinen Werken miteinander versöhnen. So stellt er niemals ein Kreuz direkt dar, sondern er zeigt den Auferstandenen mit weit geöffneten Armen. Ganz ähnlich wie das Kreuz hier in der Kirche. Aus dem Kreuz wird der Auferstandene, wird das Leben. Seine persönliche Frömmigkeit bezeichnet er als „auferstehungs-leicht“ und gibt sich einen neuen Namen: „Theophil“ – der in Gott Verliebte. Das macht ihn mir sehr sympathisch. Und auch, dass er ein ökumenisch offener Grenzgänger war und die Freundschaft mit seinen katholischen Schwestern und Brüdern intensiv pflegte.
Ich habe die Ikone, die wir heute Morgen betrachten, einigen meiner WhatsApp – Kontakten gezeigt und sie gebeten, mir ihre Gedanken und Eindrücke zu schildern. Ohne den Titel der Ikone zu nennen. Die geerdeten bzw. goldenen Farben fallen auf. Auch die Wellen in der unteren Bildhälfte. Zwei Wesen halten sich und sind eingespannt zwischen Erdenrund und Himmelsstern. Die beiden tanzen auferstehungs-leicht, irgendwie entrückt in einem Raum zwischen Zeit und Ewigkeit. Interessant finde ich auch die Anmerkung, dass in dem Bild Musik zu hören ist. Singen die beiden etwa beim Tanzen? Und welches Lied und welche Melodie passen wohl zu diesem harmonischen Tanz?
Nun, ich verrate euch den Titel, den Josua Boesch seinem Werkstück gegeben hat: „Auferstehung des Judas“. Jesus tanzt mit seinem Verräter ins Leben zurück. Ausgerechnet Judas. Der sich von Jesus verraten fühlte und dann selbst zum Verräter wurde. Er hatte daran geglaubt, von dem Maria in ihrem Loblied, dem Magnifikat, singt: Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Mit dieser Hoffnung folgte er Jesus nach. Er wollte unbedingt dabei sein, wenn die Mächtigen von „seinem“ Messias vertrieben werden. Aber alles kam ganz anders. Und sein Leben in der Zeit endete( mit quälenden Schuldgefühlen und an einem Baum. Jesus findet den Weg in seine und unsere Abgründe. Kein Weg ist ihm zu weit oder zu tief. Jesus verurteilt und richtet nicht. Er rettet. Und dieses Retten kennt nur eine Richtung: ins Leben und ins Licht hinein.
Zurück zur Ikone von Josua Boesch, dem in Gott Verliebten: Niemand und nichts kann die beiden Tanzenden aufhalten: Keine Schwere der Schuld. Keine Zweifel. Keine Dunkelheit der Nacht mit ihren unruhigen Träumen. Keine Schmerzen. Kein Schrei der Gottverlassenheit: Warum? Kein Tod. Kein Aus und Vorbei.
Ihr auferstehungs-leichter Tanz singt von Hoffnung. Von Glauben. Von Liebe. Auch von Versöhnung. Judas und Jesus: Beide haben in sich die Sehnsucht nach Gottes neuer Welt. Deshalb kann aus dem Verräter der geliebte Mensch werden. Judas und Jesus: sie tanzen nicht nur zwischen Erdenrund und Himmelsstern oder zwischen Zeit und Ewigkeit. Sie tanzen auch in uns. Und machen auch aus uns Menschen, die sich miteinander versöhnen lassen. Die sich versöhnen mit ihren Schattenseiten und ihren Ängsten. Mit ihrer Lieblosigkeit. Mit ihren Zweifeln. Mit ihrer Unruhe und ihrem Davonlaufen. Mit allem, was wir in uns verdrängt haben.
Der auferstehungs-leichte Tanz der beiden singt auch von einer versöhnten Kirche und Gemeinde, in der Gott wohnt. Und wo Gott auch in den Herzen der Menschen zuhause ist. Dort lässt er sich finden. Sozusagen auf dem kurzen Dienst-Weg. Im wahrsten Sinn des Wortes. Gott dient uns mit dem Leben und seiner Erlösung in Zeit und Ewigkeit. Dieses neue Leben ist sein Geschenk für unser verwundetes Leben. Beim Tanz mit dem Lebendigen wird heil in uns, was zerbrochen ist. Unser Leben ist zusammengeschmiedetes Leben. Ein Kunstwerk aus Gottes Händen. Die Unterschiede machen uns aus. Nicht das Ewiggleiche. Wandlung wird zur Grundmelodie des Menschen an der Hand Gottes durch die Zeiten.
Wer so tanzen kann, der vergisst für einen Augenblick Klagen und Jammern. Der überlässt sich der Freude, dem Lachen, der Liebe, der Leichtigkeit, der Freiheit. Und den Lobgesängen, die unser Herz singt. Auch das macht uns als Gemeinschaft und Gemeinde aus. Hier ist der Ort, wo wir leben, loben und lieben. Und miteinander das Tanzen durch Zeit und Ewigkeit lernen.
Vergnügt, erlöst, befreit. So wahr uns Gott helfe. Amen
Predigt in einem Gottesdienst in der Michaelskirche im Kloster Schwanberg am 10. September 2026



