
2 | Sonntag, 18. Januar 2026
Dieser erste Sonntag in Indien wird für uns zum Paradies-Tag. Noch einmal durchatmen und Nichtstun, bevor wir morgen nach Goa fliegen.
Ein schattiger Platz im Palmengarten des Hotels ist schnell gefunden. Kinder planschen im Pool und stecken uns mit ihrer Fröhlichkeit an. Auch den Raben gefällt es, die in den Palmen zuhause sind. Wir sollten aufpassen, dass uns keine Kokosnuss auf den Kopf oder vor die Füße fällt. Diesen freundlichen Rat gibt uns Santosh, der Poolboy, der für die Handtücher und frisches Trinkwasser zuständig ist. Es scheint für die krähenden Vögel ein besonderer Sport zu sein. Und manchmal treffen sie tatsächlich. Wir kommen allerdings an diesem Tag ohne Blessuren davon. Glück gehabt. Die Raben sind gnädig mit uns.
Viele Gedanken und Bilder gehen uns durch den Kopf. Sind wir tatsächlich in Indien? Im Halbschlaf könnte es auch ein schöner Traum sein. Wenig später sehen wir mit eigenen Augen, dass es kein Traum ist: Wir sind in einem besonderen, unbekannten Land, das wir bisher nur von der Landkarte kennen.
Von unserem Platz unter den Palmen sehen wir rechts vom Hotel einige Hütten der Ärmeren. Ob darin wohl Santosh mit seiner Familie wohnt? Er macht auf keinen Fall einen unglücklichen Eindruck. Er ist, wie die anderen Mitarbeitenden, ein Meister der indischen Gastfreundschaft. Auf einmal werde ich demütig und bescheiden. Und das ist auch gut so. Mein Wissen über Indien ist sehr begrenzt. Und was auch immer ich sehe, hat auf jeden Fall mehrere Wahrheiten.
Die Menschen hier bewegen sich mit entspannter Geschwindigkeit. Heute haben auch wir einfach mal das Tempo aus unseren Schritten rausgenommen, frei nach dem Sprichwort: Auch als Schildkröte gelangen wir ans Ziel. Du nimmst auf jeden Fall die Umgebung und dich selbst achtsamer und intensiver wahr. Ich erinnere mich an die schöne Übung der Geh-Meditation nach Tich Nhat Hanh, einem weltweit bekannten Weisheits-Lehrer. Und ich nehme von diesem Paradies-Tag die Erkenntnis mit, dass unser Leben zuhause mehr Meditation sein sollte. Mehr Ruhe und Achtsamkeit. Beim Gehen und Reden, beim Tun und Lassen. Beim Schweigen und Beten.
(wird fortgesetzt…)


