Tage wie diese

Es gibt diese Tage, die nach Niederlage schmecken. Tage mit einem ohnmächtigen kleinen Willen, der nicht zum Überleben reicht. Tage ohne ein morgen. Das, was mich ausmacht, versteckt sich vor mir und den Menschen, die mit mir zusammen sind. Unsichtbar stolpere ich durch so einen Tag.

Der Lebensmut ist erstarrt. Der Glaube eingefroren. Die Liebe verwelkt. Versteckt die Sehnsucht nach Leben und Fest und Tanz und Freude.

Nur mein Herz kann den Mut wieder wecken. Ein Herz ohne Angst vor dem Jetzt und dem Morgen. Ein Herz, das mir die Augen öffnet für meine Stärke und Schönheit. Ein liebendes Herz. Mein Herz.

Komm und berühre mein Herz. Mit einem Tröste-Wort. Mit einer Umarmung. Einem zärtlichen Kuss.

Mehr brauche ich nicht für Tage wie diese. Wenn ich dich spüre, habe ich alles, was ich brauche. Zum Überleben. Zum Leben.

(s j | d – 30.06.2024)

mittsommer

fröhlicher tanz
überall

der lichte morgen
wird zum gebet
für hoffnungsarme zeiten

hinweg
ihr nacht-gestalten
hinweg
du todes-ruf

das leben
tanzt
mit uns
auf leichten
engel-flügeln


(s j | d - 18.06.2024)
Bild: Christine Spuchia auf pixabay.de

juni, 2/24

in deinen
augen
den neuen anfang
sehen

meine hand
in deiner
hand

ein herz
wandert
in den
lichten morgen



Bild: beasternchen auf pixabay.de

Feuer und Flamme

Hast du auch die Feuerzunge gesehen? Tanzend auf dem Kopf der alten Lehrerin? Schon lange ist sie im Ruhestand. Aber noch wach im Geist. Philosophie und Ethik hat sie unterrichtet. Streng war sie und hat viel von ihren Schülerinnen abverlangt. Vor allem Vernunft und Klarheit beim Denken und Nachdenken. Und jetzt sitzt sie vor mir im Gottesdienst. Es ist Pfingsten. Der Altar ist mit Birkengrün und roten Blumen geschmückt. Auf jeder Seite sieben Blüten als Zeichen für die sieben Gaben des Heiligen Geistes. Der Florist kennt sich aus. Wohl auch ein Kirchgänger. Vielleicht liest er sogar in den biblischen Geschichten. Sitzt er wohl auch in einer der vielen gefüllten Bankreihen und hört aufmerksam zu? Auf jeden Fall kennt er sich sehr gut aus. Meine Blicke wandern durch den Altarraum. Von den Birken zu den roten Blüten, und dann zu den Kelchen und Brottellern, bereit zum Teilen. Für dich gestorben. Für dich vergossen. Warum nicht: Für dich gelebt? Immer noch lebendig – für mich. Und dich.

Eine eindrucksvolle Kulisse. Und über dem Kopf der alten Lehrerin ein paar Reihen vor mir tanzt eine einzelne Feuerzunge. Tänzelt die ganze Zeit munter vor sich hin. Gerade wird die Pfingstgeschichte feierlich vorgelesen. Wie die Feuerzungen auf die erste Gemeinde herabfielen. Worte aus vergangenen Zeiten. Unglaubliche Bilder. Schon so oft gesehen und gehört. Aber hier und heute? Eine verirrte Feuerzunge, Zeichen für die Geistkraft Gottes. Feuer und Flamme für den Glauben und das Leben. Bewegte Leidenschaft statt kühler Vernunft. Wie kann das sein? Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Ein besonderer Pfingst-Moment. Glauben pur. Unglaublich. Ich suche nach Worten und finde nur diese eine Feuerzunge.

Vor dem Altar steht eine Schale mit Feuer, das den ganzen Gottesdienst hindurch brennt. Eine der Flammen tanzt über dem Kopf der alten Lehrerin. Merkt sie etwas? Singt sie in fremden Sprachen? Lässt sie sich anstecken von dem Tanz der Pfingst-Flammen? Ich beobachte sie eine ganze Weile. Scheinbar hat sie sich gut im Griff. So ist sie eben. Immer schon gewesen.

Erst beim Segen am Schluss des Gottesdienstes fällt mir auf, warum die Feuerzunge über ihrem Kopf tanzt. Das Feuer vor dem Altar spiegelt sich in den Gläsern ihrer Lesebrille, die sie sich lässig in ihre Frisur gesteckt hat. Kein Pfingstwunder, sondern eine optische Täuschung. Ich bin kurz enttäuscht.

Dann aber lächele ich still in mich hinein. Ich habe gesehen, was ich sehen wollte. Meinem kleinen Glauben hat es aber Mut gemacht. Angefacht von einer tanzenden Feuerzunge. Pfingst-Mut für den Alltag nach dem Fest. (s j | d)

Bild: Alexa auf pixabay.de