28.09.2023

Ein neues Lieblingswort entdeckt: „Sanftmut“ – Zärtlich mutig sein. Anders als der Begriff der Barmherzigkeit (auch ein Lieblingswort von mir) geht es hier weniger um Innerlichkeit, sondern um die Frage: Wie kann ich mutig handeln und mich und die Welt verändern?

In der Bergpredigt werden die Sanftmütigen seliggepriesen. Auch Jesus selbst wird sanftmütig genannt.

Um das Leben zu bestehen, braucht es Mut. Viel sanften Mut. Entschlossenheit und Liebe. Ja, es braucht Sanftmut, um sich für die Demokratie und das Zusammenleben in Kirche und Gesellschaft einzusetzen. Wir dürfen darin nicht nachlassen oder uns zurückziehen. Wir dürfen den sanften Mut nicht aufgeben, gerade dann nicht, wenn die anderen laut schreien und sich in den Vordergrund drängeln. Wer sanftmütig ist, bleibt bei der Wahrheit und spielt nicht mit dem Feuer.

Barmherzigkeit und Sanftmut gehören zusammen. Wer beides kultiviert und sich zu eigen macht, überlässt sich der Weisheit und Stärke G:ttes. Der widersteht den falschen Propheten. Der Sanftmütige umarmt sein Leben freundlich. Die Sanftmütige baut mit an einer friedlichen und gerechten Welt.

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23.09.2023

Der Morgen ist um halb zehn immer noch kühl. Auf dem Schreibtisch türmen sich Bücher und Papiere. Nicht gewollte Unordnung. Das Ordnen ist mehr als anstrengend. Hauptsache, die Gedanken können weiter fließen und die Worte ziehen sich nicht zurück. Das leere Blatt Papier füllt sich langsamer als sonst. Die Hand schmerzt schon seit Wochen. Ein unbekannter, stechender Schmerz, der sich nicht lindern lässt. Trotz aller Versuche. Gegen den Seelenschmerz schreibe ich an, aber gegen den Leibschmerz bin ich hilflos.

Kurz vor Mittag läutet wieder einmal die Totenglocke.

Der Nachmittag ist angefüllt mit Gottesdienst-Vorbereitung für Sonntag. Predige über einen meiner Lieblingstexte: Die Heilung des Gelähmten an der schönen Pforte im Tempel von Jerusalem (Apostelgeschichte 3,1-8). Besonders freue ich mich darauf, Abendmahl mit der Gemeinde zu feiern. Auch diesmal wieder ohne Angst und Zweifel. Bin emotional stabil und in den letzten Monaten weiter gewachsen.

Gegen Abend räume ich dann doch noch meinen Schreibtisch auf. Fühlt sich so besser an.

s j | d

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falken am himmel

erinnerungen 
streifen den horizont

während falken
am himmel
spielen

weit in der ferne
hoffnungs-gesang

allein das 
vergessen
hört zu

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18.09.2023

In den Nachrichten wird heute eine Studie einer internationalen Forschungsgemeinschaft bekannt gemacht: In welchem Lebensalter sind die Menschen am glücklichsten? Das Ergebnis: Kleinkinder sind offenbar am glücklichsten – und mit ihnen Erwachsene in den Jahren vor ihrem 70. Geburtstag.

Ja, es gibt sie: die unbeschwerten, glücklichen Kinderjahre. Neugierig erobern die Kleinen die Welt. Sie juchzen vor sich hin, wenn sie die ersten Schritte stolpern. Sie lächeln zurück, wenn sogar fremde Menschen sie anlächeln und dabei komische Laute von sich geben. Sie lernen das Leben kennen mit seinen vielen bunten Farben. Ich erinnere mich immer noch sehr gerne an die bunte Blumenwiese in der Nähe unserer Wohnung, die ich hinuntergerollt bin. Wir Kinder hatten richtig viel Spaß dabei. Unten angekommen, liefen wir sofort wieder den Hang hinauf und die nächste Runde konnte starten. Ja, das waren glückliche Kinder-Augenblicke. So wie das Planschen im Wasser des Baches.

An den weniger glücklichen Kindheits-Momenten konnte ich schon viel für das erwachsene Leben lernen. Wie überlebe ich das Ungetröstsein? Den Schmerz? Die Beschämungen? Die wichtigste Erfahrung: Überleben ist möglich!

Und dann die Jahre vor dem 70. Geburtstag. Für viele steht mit dem Ruhestand noch einmal eine Lebenswende an. Dankbar für das Erreichte, Glücklich mit den Enkelkindern und dem Partner, der Partnerin. Man ist noch gesund genug, um einige kleinere Bäume ausreißen zu können. Durch die Welt reisen und Horizonte weiten. Eine neue Sprache lernen. Zu schreiben anfangen (Geht auch schon vorher). Loslassen lernen. Lebenserfahren die Angst vor dem Tod verlieren. Das ist wohl die wichtigste Aufgabe, ein Leben lang.

Glücklich der Mensch, der auch im Alter noch Kind bleibt. Versöhnt mit seiner Lebensgeschichte. Gelassen und heiter. Und neugierig auf das, was noch kommt.

(s j | d)

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