Gelb und Blau

Es ist einer dieser typischen Kalendersprüche eines unbekannten Wort-Akrobaten. Ich möchte den Satz gerne in meinem Status bei WhatsApp veröffentlichen. Und suche dafür ein passendes Bild. Mir gefällt ein zitronengelber Schmetterling auf einer blauen Blüte. Ich denke mir nichts dabei. Es ist einfach eine schöne Foto-Aufnahme.

„Wer die Gegenwart genießt, hat in Zukunft eine wundervolle Vergangenheit.“

Aber das Foto reizt zum Widerspruch. Ein Bekannter schreibt mir: „Ich kann die Kriegspropaganda Farben blau und gelb nicht mehr sehen.“

Ich werde nachdenklich. So war doch das Foto gar nicht gemeint. Wie aufgeheizt ist mittlerweile unsere Wahrnehmung. Die scheinbare Realität trifft auf das Schöne.

„Ich sehe nur einen schönen gelben Schmetterling auf einer schönen blauen Blüte. Ohne Hintergedanken.“

Ein wichtiger Perspektivwechsel. Zum Leben hin. Das Leben mit dem Krieg ist mehr als kompliziert geworden. Weil das Schöne nicht mehr einfach schön sein darf.

Ich möchte aufatmen. Die Farben gelb und blau einatmen. Und nur Gutes denken. Leicht und unbeschwert. Mit dem Schmetterling auf Flügeln der Hoffnung davonfliegen.

s j | d – 11.07.2023

Quo vadis, Kirche?

Maria hält sich die Ohren zu. Sie kann es nicht mehr hören. Die ständigen Negativ-Nachrichten über ihre Kirche. Und dann heute die neuesten Austrittszahlen: 2022 haben über eine halbe Million der katholischen Kirche bewusst den Rücken gekehrt. Maria schüttelt den Kopf. Tränen in den Augen. Das darf doch nicht wahr sein. Ihr Glauben verzweifelt. Immer öfters.

Maria ist als Jugendliche mit dem Glauben in Kontakt gekommen. Sie hat sich in einem Jugendkreis ihrer Pfarrei engagiert, ist später Lektorin im Gottesdienst geworden. Für die Mittvierzigerin bedeutet Glauben: mit Jesus befreundet sein. Sie besucht kranke und alte Menschen in ihrer Nachbarschaft. Sie ist eines von vielen Gesichtern von Gemeinde in dem kleinen Ort, in dem sie wohnt. Der christliche Glaube gibt ihr selbst Kraft und Trost, wenn das Leben gerade mal wieder schwierig ist. Das Beten hat sie nicht verlernt. Auch dann nicht, als ihr Ehemann bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Nachdenklicher ist sie danach geworden. In ihrer Pfarrei hat sie Geborgenheit gefunden.

Es vergeht kein Tag, an dem nicht die Krise ihrer Kirche Thema ist. Das Versagen der Bischöfe, das Wegschauen in den Pfarreien, die ausbleibenden Reformen, der schweigende Papst. Aber Maria lässt sich dadurch nicht von ihrem Glauben abbringen. Sie geht weiterhin regelmäßig in den Gottesdienst, auch wenn die Reihen lichter werden. Ihr jugendlicher Pastor wirkt müde und matt. Er ist frustriert, dass seine Predigt, die eigentlich Mut machen soll, ins Leere geht. Und immer weniger mit ihm Abendmahl feiern. Wie wird das in zwei Jahren sein?

Maria wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Und flüstert ein leises Gebet in die Nacht. Sie bittet um Mut für eine erneuerte Kirche, die den Glauben nicht verliert. Eine Kirche, die Gott nicht aus dem Herzen verliert.

Morgen wird sie aufstehen und wieder zu den Menschen gehen. Ein wenig müde, aber überzeugt davon, dass gerade jetzt Hoffnung, Glauben und Liebe geteilt werden müssen.

„Ewiger Gott, komm und erneuere deine Kirche – und fange bei mir an!“

s j | d – 29.06.2023

Bild: pixabay.com

pilger-geflüster

unter
goldenem himmel
treffen sich
sehnsüchte 
und zweifel

herzens-gebete
und aberglauben

eine soldatin
bittet um
frieden

ein sohn
um versöhnung

hoffnung 
bleibt 
das letzte
geflüsterte gebet

s j | d – 17. Juni 2023
Heiligtumswallfahrt Aachen