Nummer 136

Wir haben unseren Baum gefunden. Eine gerade gewachsene Eiche in einem idyllischen Waldstück zwischen Bell und Rieden. Mit Blick auf den Andachtsplatz und in der Nähe eines Wanderweges mit einem fernen Blick in Richtung Maria Laach. Dort wurde in diesem Monat ein Ruheforst eröffnet, 170 Urnengrabstätten in verschiedenen Biotopen. Darunter auch ein Regenbogen-Biotop für die Sternenkinder – unter Lärchen, in denen die Feen wohnen sollen.  

Schon etwas länger beschäftigen Johannes und ich uns mit Fragen rund um unsere Beisetzung. Wir haben einen Vorsorgevertrag bei dem Bestatter unseres Vertrauens abgeschlossen und möglichst viele Punkte vorab festgelegt. Denen, die nach uns kommen und sich um uns sorgen, haben wir möglichst viele Entscheidungen schon zu unseren Lebzeiten abgenommen. Einiges werden wir jetzt ändern müssen, nachdem wir unseren Baum gefunden haben. Er trägt übrigens die Nummer 136.  

In seine Wurzeln hinein werden wir uns also bestatten lassen. In einer Urne, die biologisch abbaubar ist. Zurück zur Natur. Es ist gut zu wissen, wo unsere Asche hinkommt. Nicht irgendwo anonym auf einem abschüssigen Fleck Rasen unter der prallen Mittagssonne. Sondern im Schatten alter Bäume, an denen Wanderer vorbeikommen und fröhlich vom Leben singen. In den Ästen flüstern die Erinnerungen. Vor allem die schönen.  

Wir haben unseren Baum gefunden. Er wartet auf uns. Und bis es soweit ist, werden wir leben. Jeden Tag und Augenblick auskosten. Die Liebe genießen. Freundschaften pflegen. Hoffnung haben. Und uns leise auf das Ewige nach dem Tod freuen. 

s j | d – 11. Juni 2023 

Bild: privat 

Überlebt

Mitten im Krieg wacht er auf. Mit offenen Augen liegt er noch eine ganz Weile auf seinem Bett. Er hört deutlich seinen Herzschlag. Immer wieder dieser Traum. Dieser Albtraum. Er als Kind auf dem Schoß seiner Mutter, weinend und in einem kalten, nassen Keller. Diese Angst, die auch die anderen in dem Raum erfasst hat. Keiner spricht, aber alle weinen still in sich hinein. Mit einem starren Blick ins Nirgendwo.

Er hat den Krieg nicht miterlebt, aber spürt heute noch die Angst seines Vaters in diesen unendlichen Nächten. In den Albträumen in unruhigen Zeiten. Längst ist diese Angst zu seiner eigenen geworden. Und sie verbindet sich mit der abgrundtiefen Traurigkeit zu einem gelähmten Leben. Er wacht auf und sieht nur Dunkelheit, obwohl es bereits taghell ist. Er steht auf und ist bereits damit überfordert. Mit langsamen Schritten stolpert er durch den Tag. Er hat überlebt. Die Schrecken des Krieges, die eigenen Verwundungen. Alles Vergangenheit. Aber jeden Tag präsent. Erschreckend präsent. Wie lässt es sich so leben?

Er hat überlebt. Auch durch die Liebe eines Menschen, der diese Angst nicht kennt. Sein Lachen lacht den Schrecken vorsichtig beiseite. So werden die Nächte und Tage erträglicher. Diese Liebe bedeutet geschenktes Leben. Für beide.

s j | d – 12. Mai 2023

erwachsen

im meer
der kindlichen
tränen 
erwachsen
geworden

im kalten nest
ernährt
ohne liebe
ungetröstet

zeitlose narben
auf meinem
menschen-lächeln

ich habe mich
selbst
in dieses
erwachsene leben
geboren

s j | d - 07.05.2023 

mai-wonne

endlich wonne pur

sanfter frühlingsregen
auf der haut

glück umarmt
die seele

tanzende herzen
voll staunen
und liebe

meine augen
lachen dich an

wonne-mensch
wir beide


02. Mai 2023