


in mir ist es nicht nur hell und licht. mein lächeln täuscht.
bin ich glücklich? ja und nein.
in mir habe ich zwei gesichter. das lächelnde und das mit den gefrorenen tränen.
zwei herzen. das eine schlägt leicht und lebendig. das andere müde und kraftlos.
du sagst: stell dich nicht so an. es gibt nur ein leben. nur ein gesicht. nur ein herz.
du sagst: eine kranke seele gibt es nicht. das sind nur einreden der psychiater.
meine erfahrung lehrt mich etwas anderes. ich bleibe leise.
ich kann dir meine narben nicht hinhalten und zeigen. du siehst sie nicht. du willst sie nicht sehen.
mein lachen ist für dich ehrlicher als die tränen. für mich aber ist es genau umgekehrt.
für dich ist der helle tag wirklicher als die nacht-gesichter es sind.
du willst mich als freund? dann freunde dich auch mit der nacht in mir an. ohne sie gibt es mich nicht.
tag und nacht leben in mir miteinander. sie sind meine freunde.
komm, bleibe auch DU mein freund.
(SD – 09.02.2025)

Der Zimmermann Josef steht nachdenklich in seiner kleinen Werkstatt. Bald schon wird er mit seiner Verlobten Maria, die ein Kind unter ihrem Herzen trägt, aufbrechen, um sich in seinem Heimatdorf Bethlehem in die Steuerlisten einzutragen. Der Kaiser in Rom hatte die Volkszählung angeordnet. Es gibt Gerüchte, dass das Kind der Maria nicht sein Kind ist. Trotzdem hält er zu ihr und will für die kleine Familie sorgen. Er ordnet noch ein paar Werkzeuge, löscht die Laterne und geht nach nebenan in seine Hütte.
Maria schläft schon. In ihrem Gesicht lässt sich die Sorge ablesen, wie es für sie weitergehen wird. Wird ihr Kind gesund auf die Welt kommen? Und wird sie genug Kraft für den weiten Weg nach Bethlehem haben? Wie gut, dass sie ihren Esel mitnehmen, der sie und das Ungeborene tragen kann. Liebevoll blickt Josef Maria an. Er spürt auf einmal eine große Freude in seinem Herzen. Und in der Stille fängt er an zu beten:
„Ewiger, du lässt uns in diesen Tagen des Aufbruchs nicht allein. Wir machen uns auf den Weg, ohne zu wissen, wann wir ankommen und wo wir unterkommen. Ich nehme meine Fragen und meine Unruhe mit. Meine Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Wir haben unsere Dunkelheiten mit im Gepäck: unsere Angst, die Traurigkeit, die inneren Verwundungen, die Leere in unseren Gedanken und Gefühlen, unsere Heimatlosigkeit. Dir vertraue ich die Welt an, in die hinein unser Kind geboren wird. Bringe mit seinem Lächeln Licht und Frieden zu den Menschen. Heilung und Hoffnung. Segne den Weg der Menschen durch den Advent, damit niemand allein bleibt. Und schenke deinen Engeln ein Lied, das unsere Angst vertreibt. So sei es.“
Nach seinem Gebet ist es auch für Josef Zeit zu schlafen. Am kommenden Nachmittag will er mit Maria und dem Kind unter ihrem Herzen aufbrechen.
Und auf einmal weiß er, dass er gesegnet ankommen wird und etwas Neues beginnt.
(SD – Fixpunkt Rhein-Zeitung und Webandacht Kirchenkreis, 29.11.2024)