


Vor ein paar Tagen schrieb mir eine Studienfreundin diese nachdenklichen Sätze: „Wir sind ein Volk von Jammerlappen und Klageweibern geworden. Lässt sich so die Zukunft gestalten?“
Recht hat sie. Die verschiedenen Krisen unserer Zeit haben viele von uns verändert. Besonders die Coronapandemie und der nahe Krieg in der Ukraine. Es wird gejammert und geklagt, was das Zeug hält, und diese Negativität legt sich lähmend über alles. Im Privaten wie im Öffentlichen. In Welt und Gesellschaft. Auch in unseren Kirchengemeinden.
Bei meinem letzten Gottesdienst geht eine jüngere Frau kurz nach Beginn meiner Predigt empört aus der Kirche. Weil ich nichts zum Ampel-Aus und dem drohenden Weltkrieg sage und stattdessen eine Hoffnungsgeschichte erzähle. Und von Gott spreche, nicht aber an die unschuldigen Opfer der Raketenangriffe der letzten Nacht erinnere.
Können wir wirklich keine Hoffnungsgeschichten mehr hören? Sind wir wirklich so auf das Scheitern und den Tod fixiert, dass es uns schwerfällt, von Gott zu hören? Von ihm zu sprechen? Über ihn nachzudenken? Mit ihm zu schweigen?
Gott ist für mich die einzigartige Zusage, dass wir Menschen der Hoffnung sind. Dass Vertrauen und Liebe möglich bleiben, auch in der Dunkelheit. Leben geschieht dort, wo die Hoffnung sich wie ein Trost-Mantel um verwundete Seelen legt.
Ich werde meine Sinne nicht vor der unfreundlichen Welt verschließen. Aber ich möchte mit Hoffnungs-Augen hinschauen und mit Hoffnungs-Ohren den Menschen zuhören. Und ich möchte als Christ nicht gott-stumm bleiben.
Der katholische Kollege Wolfgang Metz hat gerade geschrieben:
„Wenn wir das nicht mehr sind: Zuversichtlich. Zugewandt. Als Glaubende, Hoffende, Liebende. Braucht man uns nicht mehr. Braucht es keine Kirche.“
Ich wünsche mir zum diesjährigen Buß- und Bettag, dass wir uns mehr Mut machen zu leben und zu vertrauen. Zukunft mit unseren Gaben und Talenten gestalten. Hoffnung und Frieden in die Welt hineintragen. Mehr mit dem Herzen beten und weniger mit dem Verstand.
„Gott ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Gott ist mir nahe.“ (siehe Psalm 23)
(SD)
Bild: Arnie Bragg auf pixabay.com

Heute ist Sonntag, der 3. November. Gedenktag des heiligen Bischofs Hubertus. Kirmessonntag in Rieden. Blauer Himmel überall und fröhliche Kinderstimmen auf dem Kirmesplatz. Mit Blasmusik marschieren am Vormittag die Schützen zum Gottesdienst. Nur wenige folgen ihnen in die Kirche St. Hubertus, in der schon die ersten Kulissen für die kommenden Passionsspiele aufgebaut sind. Der Pastor zieht nach den Schützen mit etlichen Messdienerinnen und Messdienern durchs Mittelschiff ein. Er predigt kurz und gut über die Liebe zu sich selbst, die mit der Liebe zu Gott und den Nächsten das Leben gelingen lässt. Schade, dass seine Worte nur von so wenigen gehört werden.
Glaube und Gemeinschaft sind in den letzten Jahren immer mehr ins Nichts geflüchtet. Oft ohne eine bewusste Entscheidung. Gedanken und Herzen sind nach und nach gleichgültig geworden. Gott ist Vergangenheit. Menschen kommen ohne Gott und den Glauben an ihn aus. Längst haben andere Geister die Orientierung für das Reden und Handeln übernommen. Es ist einsam geworden in unseren Gemeinden und Gottesdiensten.
Manche halten noch tapfer die Tradition hoch. Aber der Bezug zu den Wurzeln ist verloren gegangen. Viele begegnen nur noch sich selbst, aber nicht mehr dem Mitmenschen und auch nicht mehr Gott in seinem Menschensohn Jesus. Wir haben die Liturgie der Hoffnung verlernt, die die sichtbare mit der unsichtbaren Welt verbindet. Am Sonntag wie im Alltag.
Wie kann Kirche wieder zum Lebens-Ort für die Menschen werden? Für die Suchenden, aber auch die Gestrauchelten und Verzweifelten. Für die Fröhlichen und die Liebenden? Wann macht es wieder Sinn, die Gottesdienste mitzufeiern?
Oft höre ich, sie müssten einfach nur „moderner“ werden. Davon bin ich nicht mehr überzeugt. Kirche ist da, wo ich etwas von Gottes Liebe erfahre. Wo ich getröstet werde. Wo mein Herz von der Hoffnung berührt wird. Wo ein neuer Anfang immer möglich wird. Und wo der Tod nicht das letzte Wort behält.
Diesen Glauben will ich nicht verlieren.
SD – 03.11.2024