
Gerade komme ich von einem Krankenbesuch. Dort die traurige Nachricht, dass der Tumor wieder stark gewachsen ist. Ergebenheit in dieses Schicksal ist zu spüren. Und: Ich lebe ja schon länger als vorausgesagt. Ein kühles Bier und Pizzabrötchen mit Käseplatte lindern für den Augenblick die unglücklichen Aussichten. Dann kommt noch mehr freundlicher Besuch und ein wenig Heiterkeit sitzt mit am Tisch.
Mein Weg nach Hause am frühen Abend führt mich über den Dorf-Friedhof. Kein Lebender ist bei der Hitze unterwegs. Die Toten ruhen sanft. Ich schließe das Tor und überquere die Straße. Auf einmal werde ich von hinten angesprochen. Ich erkenne mühsam seine Stimme. Der Mann wohnt neben dem Friedhof und sammelt alles Mögliche. Vor allem alte Holzpaletten, die er mit Lust mit seiner Kettensäge zerkleinert. Dieses schnarrende Geräusch ist jeden Tag bis in unser Wohnzimmer zu hören.
Ich bleibe stehen und drehe mich um. Da steht der Friedhofs-Nachbar mit seiner Kettensäge in den Händen vor mir. Ich mache einen Schritt zurück. Zu nahe dran ist mir unangenehm. Ein klein bisschen ängstlich blicke ich auf die Kettensäge. Aber er spricht mich freundlich an: Wo sind eigentlich bei der aktuellen Weltlage die Kirchen? Wo wird die Stimme erhoben und wo werden Demonstrationen gegen die Kriegsgewalt organisiert? Wie damals Anfang der 80-er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Jesus hat doch den Frieden gewollt. Wo sind die Pazifisten vergangener Zeiten?
Eine unglaubliche Begegnung. Da redet der Mann vom Frieden und steht da vor mir mit seiner Kettensäge. Er wartet auf Antworten, aber mir ist die Begegnung unangenehm. Ich pflichte ihm bei, bleibe ihm aber eine Antwort auf seine Fragen schuldig. Eine einfache Antwort gibt es sowieso nicht. Dann verabschiede ich mich rasch. Das Essen steht zuhause auf dem Tisch und ich muss los. Der Mann hat Verständnis und lächelt freundlich. Ein Lächeln, das so gar nicht zu der Kettensäge passt. Ich bin doch heftig irritiert, drehe mich um, winke ihm noch einmal kurz hinterher und bin dann auch schon mit wenigen Schritten vor unserer Haustür. Erleichtertes Aufatmen. Unser Kater wartet schon und streicht mir schnurrend um die Beine.
Kurz vor Mitternacht liege ich im Bett. Draußen ist es immer noch heiß. Und die abendliche Begegnung verfolgt mich bis in meine unruhigen Träume.
Ja, wie war das eigentlich mit dem Frieden?
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